Zugang zu Boxengasse, Rennstrecke, Media-
Center…Teil 1
Wie jedes Jahr beginnt mein Motorsport-Jahr eigentlich
erst im April. Natürlich habe ich gewöhnlich die
Gelegenheit, für die Rennen in Daytona und Sebring nach
Florida zu kommen, aber diese Rennen sind nicht mehr als
eine Ouvertüre für die kommende Saison, denn ich komme
nicht zurück, um den Rest der ALMS oder Grand-Am-Serie
zu verfolgen – Die Tage, an denen ich ständig über den
Atlantik gependelt bin, sind lange vorbei. Die Kosten und
die Umstände eines Besuchs der USA nach dem 11.
September haben dieses Kapitel meiner Karriere beendet.
Der April begann mit einem Trip nach Südfrankreich zur
HighTech-Teststrecke Paul Ricard. Der frühere
Austragungsort des Großen Preis von Frankreich wurde
vor fünf Jahren von Bernie Ecclestone (von wem sonst?)
erworben und im typischen Bernie-Stil umgebaut.
Tribünen, Zuschauerbereiche und sogar Kiesbetten sind
Vergangenheit; Autos, die von der Strecke abkommen,
werden jetzt von großen Asphaltflächen und spezieller
abschleifender Farbe gebremst.
Tipp: Für den Fotograf ergeben sich dort, wie man sehen
kann, eine Reihe einmaliger Möglichkeiten. Ein Tipp zu
dieser Art des Motivs ist die Variation des Schärfepunktes,
entweder manuell oder durch Anpassen der
Kameraautomatik. Die Grundregel lautet, das Auto im
unteren Drittel zu platzieren, um den Himmel als
Hintergrund zu haben. Ist der Vordergrund aber
besonders interessant oder farbenfroh, sollten Sie eine
Ausnahme von dieser Regel erwägen. Sie sollten im hellen
Sonnenlicht auch keine Angst vor Gegenlichtaufnahmen
haben – experimentieren Sie, denn es kann zu
überraschenden Ergebnissen führen.
Vom klaren hellen Himmel über Frankreich ging es das
folgende Wochenende für die Eröffnungsrunden der
Tourenwagen Weltmeisterschaft 2005 und der FIA GT
Meisterschaft nach Monza nördlich von Mailand. Auf der
historischen Rennstrecke in einer Parklandschaft, die
früher das Jagdrevier des italienischen Königs gewesen
ist, finden seit der Eröffnung 1922 ununterbrochen
Rennen in einer einzigartigen Atmosphäre statt. Leider ist
das Wetter in dieser Zeit des Jahres oftmals kalt und grau
und dieses Jahr gab es genug von beidem.
Tipp: Aufnahmen unter solch trüben Bedingungen können
unter Verwendung von StudioLine verbessert werden.
Kontrast, Helligkeit und Sättigung eines Bildes können
angepasst werden, um ein angenehmeres Ergebnis zu
erzielen. Lassen Sie aber Umsicht walten, damit das
Endergebnis nicht künstlich oder zu stark bearbeitet wirkt.
Tipp: Das Fotografieren von GT- und Tourenwagen
erfordert das Einbringen unterschiedlicher Fähigkeiten. Die
Grundsätze von Komposition, Belichtung und Thema sind
für beide gleich, aber ein GT-Rennen geht über drei
Stunden, bzw. 500 km, während Tourenwagen lediglich
zwei Sprints über zwölf Runden fahren. Gibt es beim GT
genügend Zeit verschiedene Einstellungen zu testen und
zu experimentieren, müssen Sie sich für die Sprints vor
dem Rennen einen Drehbuch erstellen und sich genau an
dieses halten. Sie müssen also Ihre Hausaufgaben schon
gemacht haben: Wer konkurriert gerade mit wem, und
gibt es weitere Punkte, die die Fotografie beeinflussen?
Bedenken Sie auch den Stand der Sonne, den
normalerweise gibt es keine Zeit, den Standort zu
wechseln.
Ich bekam eine ungewöhnliche Anfrage für das GT-
Rennen, zu dessen Anlass SRO, einer der Organisatoren
der Serie, ein 15 mal 5 Meter großes Banner für einen der
eigenen Sponsoren-Stände produzieren wollte. Konnte ich
helfen? Der offizielle Fotograf der GT-Serie macht nur
Aufnahmen im Jpeg-Format, was der Firmenpolitik seiner
Agentur entspricht. So waren dessen Bilder für diese
Aufgabe nicht brauchbar. Ich nehme alles im RAW-Format
auf, eine Wahl, die ich fast von Anfang an meiner digitalen
Arbeit an getroffen hatte. Kombiniert mit meinem
neuesten Spielzeug, einer Canon 1DS II, bedeutete das,
dass ich den Job zuversichtlich übernehmen konnte. Das
Ergebnis war technisch gesehen in Ordnung, wurde aber
als „zu blau“ zurückgewiesen. Eine Neuaufnahme in
Runde 2 wurde angefordert. Das RAW-Format bietet dem
Fotografen die meisten Kontrollmöglichkeiten, ist aber
zeitaufwändig und nicht immer die beste Lösung für den
anstehenden Job.
Ein anderes Wochenende, eine andere Strecke – diesmal
Spa Francorchamps in den belgischen Ardennen für die
1000 Kilometer, dem Eröffnungsrennen der Le Mans
Endurance-Serie 2005. Sowohl mein Motorsport- als auch
mein fotografischer Hintergrund stammen aus Rennen
dieser Länge. Die ca. sechs Stunden Renngeschehen
erlauben die Erkundung des Kurses und das Ausprobieren
verschiedener Methoden, Bilder aufzunehmen.
Es gibt aber Zeiten, in denen auch solche Rennen einem
Sprint ähneln und das Erahnen des nächsten
Zwischenfalls entscheidend ist. Wenn ein paar Wagen
scheinbar grundlos von der Strecke abkommen, kann man
vermuten, dass Öl auf der Bahn dafür verantwortlich ist.
Wenn aber gleich mehrere, gut gefahrene Autos neben
dem Asphalt enden, ist wahrscheinlich etwas
Dramatischeres geschehen. Dieser Ferrari war schon seit
dem Start unberechenbar und krachte dann am Ende der
Zielgeraden in einen Prototypen mit dem Ergebnis, dass
beide Autos ausscheiden mussten. Ein oder zwei Minuten
später kollidierten ein weiterer Ferrari und ein Porsche an
der gleichen Stelle. Ich habe es nur geschafft, eine
Aufnahme vom zweiten Crash zu machen, weil ich in der
Aufregung, den ersten Zwischenfall festzuhalten, einen
klassischen Fehler gemacht habe – Ich habe auf meinem
Streckenplan die Entfernungen nicht beachtet und mich
verkalkuliert. Es bringt nichts, wenn man die Action
voraussieht und dann nicht fotografieren kann. Ich muss
mich mehr anstrengen!
Für Fotografen waren die Bedingungen in Spa durch
dichten Nebel auf Teilen der Strecke wirklich schwierig.
Aber sie waren für alle Beteiligten gleich. Deshalb heißt die
Antwort, das beste daraus zu machen und nicht zu
jammern. Ein Amerikaner hat mir das mal lakonisch so
erklärt, dass man halt Blei in Gold verwandeln müsse.
Wieder einmal war die Bildbearbeitung von StudioLine von
unschätzbarer Hilfe, um den Bildern etwas Leben
einzuhauchen.
Am nächsten Wochenende gab es zwar kein Rennen aber
einen Tagestrip nach Deutschland und eine Fahrt auf der
legendären Nordschleife. Der Europäische Tourenwagen
Champion von 2004, Andy Priaulx, trainierte vor seinem
Auftritt bei den 24 Stunden vom Nürburgring für BMW auf
der 22 km langen Strecke. Die PR-Abteilung von BMW lud
also den Schreiber Andrew Cotton und mich ein, um eine
Runde mit Andy zu drehen. Er war „bewaffnet“ mit einem
BMW M3 CSL mit Formel-1-Schaltung und allen möglichen
anderer technischer Spielereien. Mir wurde empfohlen, so
früh wie möglich zu fahren, bevor die Bremsen in der
Wirkung nachlassen könnten. Ich muss gestehen, dass ich
nicht der beste Beifahrer bin, aber obwohl ich, weil Andy
Strass,e Randsteine und Gras voll ausgenutzt hat, im Sitz
hin und her geworfen wurde, habe ich nicht den leisesten
Anflug von Besorgnis gespürt. Seine Geschicklichkeit und
Kontrolle über das Auto waren bemerkenswert und die
Ruhe, mit der er die Aufgabe bewältigte, flösste Vertrauen
ein. Fotografisch gesehen war diese Fahrt mehr als eine
Herausforderung. Während wir uns durch den Kurs
schlängelten, sorgte ein ständiger Wechsel der
Lichtbedingungen für Schwierigkeiten bei der Belichtung,
da für scharfe Aufnahmen die Belichtungszeit kurz, für
kreative Effekte aber lang sein muss. So war ich mental
genau so beschäftigt wie Andy, zumal ich beim
Fotografieren ja noch den Schutzhelm tragen musste.
Tipp: Falls Sie jemals die Chance erhalten, das zu
versuchen, genießen Sie vor allem die Erfahrung und
planen Sie die Aufnahmen (langsam, schnell, Landschaft,
Nahaufnahme, etc.) bevor Sie sich dem Auto nähern.
Natürlich werden Sie viele dieser Bilder anschließend
löschen aber ein oder zwei gute sind eigentlich immer
dabei. Und bestimmt werden Sie sich an diesen Tag
erinnern.
John Brooks, Mai 2005
John Brooks verwendet:
Kameras
Canon 1D ll
Canon 1Ds ll
Objektive (alle von Canon)
16-35mm f2.8
24-70mm f2.8
70-200mm f2.8
300mm f2.8
500mm f4.0
Massenspeicher
Eine Auswahl von Karten der Systeme Compact Flash,
Microdrive und Secure Digital von insgesamt 14 GB.
PC
Sony S2XP laptop
|