Der Start ist jedes Jahr so ziemlich der gleiche – die
Rennautos mit den vollen Tribünen im Hintergrund. Ein
typisches Le Mans-Motiv war früher die Aufnahme vom Fuß
des Hügels an der Bergab-Passage von der Dunlop-Brücke
zur Esses. Von der Motorrad-Lobby geforderte
Modifikationen wurde dieses Motiv eliminiert. So bleibt als
“Geldbringer” nur das Motiv Tribüne, Getümmel und die
Führenden. Aber auch etwas so einfaches erfordert
Nachdenken. Da es nur wenig Platz für alle Fotografen gibt,
gilt, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Stellen Sie sich darauf
ein, ein oder zwei Stunden an der gewünschten Stelle in
der Sonne zu stehen. Auch die Wahl zwischen Quer- und
Hochformat muss bedacht werden – entsprechend Ihrem
Auftrag.
Tipp: Für diejenigen ohne Presseausweis, die den Zäunen
irgendwie aus dem Weg gehen können, sind Weitwinkel-
Aufnahmen am besten geeignet, da diese ein Gefühl für die
Menschenmassen und die Größe der Anlage vermitteln.
Oder Aufnahmen der Autos, bevor diese zur Aufwärmrunde
starten. Andere Themen könnten z.B. Gesichter in der
Menge oder die guten alten Hawaiian Tropic Girls sein.
Atmosphäre einzufangen ist leicht gesagt, aber schwer
umzusetzen. In Le Mans passiert so viel, dass es schwierig
ist, die Stimmung dieses Events einzufangen. Aber es ist
der Mühe wert. Es ist effizient, die Landschaft zu nutzen,
wo die Rennstrecke auch über öffentliche Straßen führt. Die
benötigte Zeit, um jeden Punkt zu erreichen, sollte gut
kalkuliert sein. Die hilfreiche Gendarmerie wird im System
aus Einbahn-strassen immer erfindungsreicher.
Tipp: Die verschiedenen Paraden etc. bieten Chancen für
Aufnahmen abseits vom Geschehen. Man wird zwar keinen
Fernando Alonso antreffen, wie er am Freitag vor einem
Rennen in einem Oldtimer posiert, aber man trifft Tom
Kristensen, wie er den Fans zuwinkt und richtig glücklich
wirkt. Auch die Menge beteiligt sich mit so bizarren Gruppen
wie der “Chopper Display Squadron” und den “Red
Sparrows”. Bier und Exhibitionismus gehen Hand in Hand,
und niemand erwartet etwas anderes.
Der Sonnenuntergang ist ein kritischer Moment – das Licht
taucht alles in eine angenehme Stimmung, die alle Bilder
gesättigt und warm erscheinen lässt. Dieses Jahr habe ich
entschieden, einmal zu testen, wie sich Digitalkameras mit
ihrer Fähigkeit, auch Details im Schatten einzufangen, bei
Aufnahmen in die untergehende Sonne schlagen. Die
Ergebnisse haben mich gleichermaßen erfreut und
beeindruckt.
Der Sonnenaufgang ist ein ähnlich schwieriger aber
wichtiger Zeitpunkt, das Geschehen festzuhalten. Man
muss die Zähne zusammenbeissen, um den Hügel zur
Dunlop-Brücke auch nach einer Woche Fotografierens noch
mit der gesamten Ausrüstung hochzuklettern. Die
Belohnung war ein herrlicher Sonnenaufgang - also keine
Ausflüchte in diesem Jahr! Im Gegensatz zu früher fallen
Gegenlichtaufnahmen heute leichter, da man das Ergebnis
im Display der Kamera sofort kontrollieren kann und nicht
auf die entwickelten Filme warten muss. Kleinere
Anpassungen können deshalb sofort vorgenommen
werden.
Tipp: Um die Fähigkeit der Kameras auszunutzen, Details
im Schatten festzuhalten, variieren Sie die Belichtung. Das
hat zwar mehr mit Gefühl als mit Wissenschaft zu tun,
funktioniert für mich aber sehr gut.
Sonnenuntergang und Sonnenaufgang sind deshalb so
wichtig, weil sie für 24 Stunden Rennen einzigartig sind und
einen starken visuellen Eindruck der wechselnden
Bedingungen geben, denen die Fahrer ausgesetzt sind.
Ich musste während des diesjährigen Rennens für einen
meiner Zeitschriften-Kunden eine große Menge an Bildern
vorbereiten und senden, die Sonntags um 18:00 Uhr auf
deren Leuchttisch zu liegen hatte – nur zwei Stunden
nachdem die Zielflagge geschwenkt war. Nach der Freude,
einen richtigen Sonnenaufgang zu fotografieren, kam die
Plackerei, hundemüde auf einen Bildschirm zu starren und
tausende von Bildern zu bearbeiten. Aber der Zweck
meines Aufenthalts in Frankreich war nun einmal, meine
Bemühungen in Geld umzuwandeln, was - wie bei jedem
Geschäft - nur geschehen kann, wenn das Produkt beim
Kunden abgeliefert ist. Also Schluss mit dem Gejammer,
und anfangen, die Bilder zu bearbeiten!
Aufnahmen der Zieleinfahrt sind in Le Mans immer
besonders wichtig. Mit Tom Kristensen, der den letzten
Stint im Sieger-Audi zum absoluten Rekord von sieben, ja
SIEBEN, Gesamtsiegen im 24 Stunden Rennen von Le Mans
fährt, wird der Siegergruß von 2005 wirklich
bedeutungsvoll. Das Problem ist, es richtig
hinzubekommen. Die Audi-Siege von 2000, 2001 und 2003
wurden von TK’s Teamkollegen Emanuele Pirro stilvoll
zelebriert, während Seiji Ara, der Sieger von 2004, mit
Vollgas über die Linie gerast ist und die meisten Fotografen
mit leeren Händen stehen ließ. Was macht Tom?
Es gibt zudem weitere tolle Motive von den Teams, die die
Boxenmauer belagern, um jedem Auto, das ins Ziel kommt,
ihren Respekt zu erweisen. Also legt man los und versucht,
das ganze Geschehen auf einmal zu erfassen. Ich habe es
geschafft, den Zieleinlauf so festzuhalten, dass ich damit
zufrieden war. Dann habe ich mein 500 mm-Tele wie ein
Derwisch herumgewirbelt, um gleichzeitig das Geschehen
auf der Strecke und unter den Teams einzufangen.
Weitere 24 Stunden von Le Mans, Nummer 26 nach meiner
letzten Zählung, sind vorbei. Ganz ohne Zweifel das größte
Rennen der Welt – zum Anschauen, Teilnehmen oder
Fotografieren.
John Brooks, Juli 2005
John Brooks verwendet:
Kameras
Canon 1D ll
Canon 1Ds ll
Objektive (alle von Canon)
16-35mm f2.8
24-70mm f2.8
70-200mm f2.8
300mm f2.8
500mm f4.0
Massenspeicher
Eine Auswahl von Karten der Systeme Compact Flash,
Microdrive und Secure Digital von insgesamt 14 GB.
PC
Sony S2XP laptop
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